SEBASTIAN FITZEK

Autor

Es gibt wohl keine unangenehmere Aufgabe für einen Autor, als objektiv über sich selbst zu schreiben. Ich meine, es ist doch unser Beruf, Dinge auszuschmücken und die Wahrheit so zu verändern, dass sie interessant klingt! Wie gerne würde ich mich hier also als strahlender Held darstellen (okay, das können Sie schon mit einem Blick auf eines meiner Fotos widerlegen), der schon sehr, sehr früh beliebt war und dem der spätere Erfolg im Berufsleben quasi in die Wiege gelegt wurde.

Station 0

Kindheit

Die Wahrheit – und nichts als die Wahrheit – aber liest sich anders. Und blöd, wie ich bin, hab ich sie sogar schon mal veröffentlicht. Lesen Sie selbst, was ich in meinem Sachbuch „Fische, die auf Bäume klettern“ über eine prägende Kindheitsepisode in meinem Leben geschrieben habe:

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Hätte ich bei der Wahl meiner besten Freunde stets auf meinen Kopf gehört und diese in potenziell nützliche / nicht nützliche Weggefährten eingeteilt, dann – wage ich zu behaupten – hätte mein Leben einen sehr viel schlechteren Verlauf genommen. Und das schon ab dem Alter von zehn Jahren! Damals ging ich in die 5b der Wald-Grundschule und war so beliebt, wie man nur sein kann, wenn man die Klamotten seines sieben Jahre älteren Bruders auftragen muss und auch bei der Frisurenmode (made by Mami) ein knappes Jahrzehnt hinterherhinkt. Stellt euch einen breitnasigen Muffelkopf mit Topfhaarschnitt, Lederhosen und Aluaktenkoffer vor, der seine Freizeit am liebsten in der Schulbibliothek verbringt. Ja, genau: Ich war der klassische Büchernerd, den man beim Völkerball nicht in seiner Mannschaft haben wollte,  es sei denn als Kanonenfutter. Tja, und dann kam Ender. Spät eingeschult, einmal sitzen geblieben, die Lehrer nannten ihn »Deutschtürke«, der größte Rüpel der Schule. Als er durch die Klassentür trat, glaubte ich, ein Vater wäre gekommen, um sein Kind etwas früher abzuholen. Doch dann wurde der Coolste der Coolen neben mich gesetzt. Die Klassenlehrerin dachte sich wohl, der Streber (also ich) könnte einen guten Einfluss auf den Problem fall (also Ender) haben. Natürlich war es genau umgekehrt. Ender änderte mein Leben; hauptsächlich, indem er mich mochte, was natürlich daran gelegen haben könnte, dass ich ihm bei seinen Hausaufgaben half. Und glaubt mir, das geschah ohne Zwang oder dass ich ihm dafür meine Turnschuhe hätte abgeben müssen. Im Gegenteil – er brachte mir meine ersten Adidas-Schuhe zum Selbstbemalen aus dem Sportgeschäft seines Vaters mit, um mich von meinen hässlichen Quadrattretern zu befreien. Und da er, der Beliebte, mein Freund wurde, färbte das auf die Herde der Mitschüler ab, die mich bis dahin nicht mal hatten ignorieren wollen. Ender lehrte mich auch viele nützliche Dinge, die man als Grundschüler dringend für seinen Alltag braucht: etwa, wie man eine Zigarre raucht (schlechte Idee, es hinter der Turnhalle zu versuchen, während der Sportlehrer vorbeijoggt). Später schmuggelte er die FSK-18-Videos seines Vaters aus der Wohnung (Rollerball, Die Klasse von 1984, Tanz der Teufel, Zombies im Kaufhaus und – natürlich – Die Klapperschlange mit Kurt Russell, dürft ihr alles noch nicht sehen, aber jetzt ahnt ihr, woher meine Leidenschaft für Thriller stammt). Kurz, ich habe Ender viel zu verdanken, und es ist schön, noch heute mit ihm befreundet zu sein. Selbstverständlich besuche ich ihn jeden Sonntag in der JVA (Scherz).…

So, jetzt wissen Sie, wieso ich den Namen Ender schon einmal in „Abgeschnitten“ verwendet habe und weshalb ich Thriller so mag.

Um ein noch besseres Bild über mich und meine Person zu erhalten, skizziere ich gerne für Sie die wichtigsten Stationen meines Berufslebens

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Station 1

Schlagzeuger

Als mir klar wurde, dass selbst die hässlichsten Vögel von hübschen Mädchen angehimmelt werden, wenn sie aus einem Tourbus steigen und mit der Gitarre in der Hand auf die Waldbühne klettern, war mir klar: Ich muss Rockstar werden!

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Vergessen wir mal, dass ich bis zu meinem 15. Lebensjahr noch davon träumte, meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, stundenlang eine Filzkugel über ein Tennisnetz zu dreschen. Als mir klar wurde, dass selbst die hässlichsten Vögel von hübschen Mädchen angehimmelt werden, wenn sie aus einem Tourbus steigen und mit der Gitarre in der Hand auf die Waldbühne klettern, war mir klar: Ich muss Rockstar werden! Mein Plan scheiterte unter anderem daran, dass ich nie aus einem Tourbus sondern meistens aus einem VW-Käfer stieg, und nicht in der Waldbühne auftrat, sondern in der Mensa des örtlichen Hockeyvereins. Außerdem hatte ich mir mit Schlagzeug das wohl bescheuertste Instrument ausgesucht, um das andere Geschlecht zu beeindrucken. Die konnten mich hinter meiner Batterie ja noch nicht einmal sehen!

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Station 2

Strafverteidiger

Überspringen wir auch, dass ich drei Monate Tiermedizin studierte, bevor mir klar wurde, dass ich einen verdammt guten Anwalt brauchte, sollte ich an diesem Berufswunsch festhalten.

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Überspringen wir auch, dass ich drei Monate Tiermedizin studierte, bevor mir klar wurde, dass ich einen verdammt guten Anwalt brauchte, sollte ich an diesem Berufswunsch festhalten. Der würde mich nämlich vor den zahlreichen Fehlbehandlungsklagen schützen müssen, die ob meiner beiden linken Hände gegen mich erhoben würden. Ich studierte also lieber gleich Jura, eigentlich in der Hoffnung, am Ende wenigstens Bands und ihre Plattenverträge managen zu können, wenn mir selbst ein Leben als Rockstar versagt geblieben war. Allerdings schaffte ich es nur bis zum ersten Staatsexamen, dem ich noch meinen Doktor im Urheberrecht folgen ließ. Und das eigentlich nur, um irgendeinen Abschluss in der Tasche zu haben, denn damals (1996) war man ohne zweites Examen nicht einmal Halbjurist. Ich dachte, wenn ich mich irgendwo als Dr. jur vorstelle, dann denken alle, ich wäre fertiger Anwalt oder Richter. Zudem hatte mir ein Freund gesagt, mit einem Doktor-Titel auf der Kreditkarte würde man in Hotels immer ein Zimmerupgrade bekommen. (Erwähnte ich schon, dass ich naiv bin?) Das mit dem Upgrade ist natürlich kompletter quatsch und passiert nie. (Auch bei der mir gestern per E-Mail angekündigten Überweisung von 120 Millionen einer ruandischen Prinzen-Witwe bin ich mir noch etwas unschlüssig.)

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Station 3

Chefredakteur

Sie fragen sich sicher: Wieso habe ich nicht mein zweites Jura-Staatsexamen gemacht? Fragen Sie sich nicht? Egal, ich antworte trotzdem…

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Weil ich 1996 eigentlich schon dachte, am beruflichen Ziel meiner Träume angekommen zu sein. Ich hatte ein studienbegleitendes Volontariat bei dem Sender 104.6 RTL gemacht und schon drei Jahre später ein Angebot erhalten, Chefredakteur beim Berliner Rundfunk zu werden. Ja, ja in den 90ern konnte man in den privaten Medien noch leicht Karriere machen.
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Station 4

Autor

Sie merken a) Ich hab keinen sehr gradlinigen Lebenslauf. Und b) Ich wollte eigentlich nie Autor werden.

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(Kritiker können ihr Pech nicht fassen, dass es dann doch so gekommen ist.) Aber ich habe schon immer gerne gelesen. Und wie jeder, der viel und gerne liest, habe ich mich nach jedem guten Buch gefragt, ob ich wohl auch irgendwann einmal eine Idee hätte, die zu einem Roman taugt. (Kritiker fragen sich das noch heute.)
Die Initialzündung ereilte mich in einem Warteraum eines Orthopäden, als ich Anfang 2000 darauf wartete, dass meine damalige Freundin endlich mit der Untersuchung durch ist. Nach etwa 45 Minuten Wartezeit stellte ich mir die entscheidende Frage, die mich zum Autor machte: „Was, wenn meine Freundin nie wieder aus dem Praxiszimmer herauskommt? Was, wenn mir alle sagen, sie wäre dort gar nicht erst hineingegangen?“ Das war, ich muss es betonen, damals noch kein Wunschdenken. Es war meine allererste Thrilleridee. Und wenn Sie mein Debüt aus dem Jahre 2006 nicht schon nach der ersten Seite wieder weggeschmissen haben, werden Sie eine Parallele entdecken. Denn dort verschwindet im Prolog ein kleines Mädchen spurlos aus dem Behandlungszimmer eines Arztes und man will dem wartenden Vater weismachen, es wäre dort nie hineingegangen. Der Rest ist Geschichte, und die Geschichte heißt: „Die Therapie“.
Tja, mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen. Außer: Danke, dass ich Ihnen seit 2006 meine Albträume überstülpen kann, um selbst friedlich wie ein Murmeltier schlafen zu können. Ich finde, wir haben hier im Laufe der Jahre eine tolle Arbeitsteilung entwickelt …

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Botschafter des Bundesverbands „Das frühgeborene Kind“ e.V., von „Weisser Ring“ sowie dem Dachverband der ALFA-Selbsthilfe.

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SEBASTIAN FITZEK

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